Institut für Wirtschaftstheorie III

Experimentelle Wirtschaftsforschung

Experimentelle Befunde über strategisches Handeln widersprechen häufig den spieltheoretischen Vorhersagen, wenn man von naheliegenden  Annahmen über die Nutzenfunktionen ausgeht (zum Beispiel, daß die Spieler nur an ihren Geldauszahlungen interessiert sind). In der experimentellen Wirtschaftsforschung reagiert man auf solche Befunde oft, indem man ad hoc von  allgemeineren Nutzenfunktionen, Erwartungen usw. ausgeht, d.h. man repariert die spieltheoretische Abbildung der experimentellen Situation, um spieltheoretische Vorhersagen und die experimentellen Beobachtungen in Einklang zu  bringen. Güth (1995a) bezeichnet daher diese Richtung als (neoklassischen) Reparaturbetrieb.

Anders als der neoklassische Reparaturbetrieb streben wir grundsätzlich nur verhaltenstheoretische Erklärungen experimenteller Befunde  an, die den Beschränkungen menschlicher Kognition und Informationsverarbeitung Rechnung tragen. Wir begeben uns also auf den steinigen Weg, wirkliches Entscheiden zu beobachten und modellmäßig abzubilden. Der Ausrichtung des SFB  entsprechend wollen wir uns in der Gestaltung der Experimente auf sequentielle Entscheidungsprozesse konzentrieren und vor allem auch versuchen, die Dynamik menschlicher Kognition und Entscheidungsfindung abzubilden und empirisch  zu überprüfen. Statt dies in allgemeiner Form zu versuchen, was nur rein spekulativ und damit in sehr fragwürdiger Weise möglich wäre, sollen für eine begrenzte Auswahl von teilweise komplexen und teilweise einfach strukturierten  Situationen verhaltenstheoretische Erklärungen angestrebt werden. Wir sehen dieses Projekt in einer durch Reinhard Selten begründeten Tradition, der sich unsere Forschungsgruppe seit geraumer Zeit verpflichtet fühlt.

Der  verhaltenstheoretischen Fragestellung entsprechend, kann nicht allein auf frühere Arbeiten in der experimentellen Wirtschaftsforschung zurückgegriffen werden, sondern es müssen auch Konzepte der Sozial- und ökonomischen Psychologie  berücksichtigt werden.

In der experimentellen Wirtschaftsforschung ist bislang noch der neoklassische Reparaturbetrieb vorherrschend. Obwohl bewußt eine andere Forschungsrichtung beschritten werden soll, implizieren deren  experimentelle Beobachtungen und Erklärungen für uns wichtige Fakten und vielfältige Anregungen. Insbesondere enthält das 1995 erschienene Handbook of Experimental Economics (Hrsg. J.H. Kagel und A.E. Roth) einen reichhaltigen  Schatz an experimentell erhobenen Fakten. Auch kann eine breite Eignung bestimmter Reparaturmaß nahmen (zum Beispiel im Sinne einer Präferenz für gerechte Aufteilungen, vgl. Bolton (1991) oder die Einführung von Altruismus, vgl.  McKelvey und Palfrey (1992)) wesentliche Aussagen für die Struktur verhaltenstheoretischer Erklärungen implizieren.

Die Vorarbeiten auf dem Wege, eine allgemeine Verhaltenstheorie des Entscheidens zu entwickeln, sind eher  bescheiden. In der (Sozial-)Psychologie gibt es eine Vielfalt sinnvoller Ideen (zum Beispiel die equity theory, die framing und prospect-theory und die Attributionstheorie), aber selbst ökonomische Psychologen sehen hier keinen  allgemeinen Rahmen, in den sich diese Bausteine einpassen lassen (vgl. Lea, 1994). Dennoch erachten wir es als unabdingbar, unsere Arbeiten im engen Meinungsaustausch mit ökonomischen Psychologen zu entwickeln, um hier rechtzeitig  auf Kritik reagieren zu können und für Anregungen offen zu bleiben.

Erfolgversprechende Anregungen für die Modellierung einer Verhaltenstheorie des strategischen Entscheidens bietet die Anspruchsanpassungstheorie (vgl. zum  Beispiel die frühe Arbeit von Sauermann und Selten, 1962, sowie die Weiterentwicklung durch Tietz, 1992) sowie die Drei-Stufen-Theorie von Selten (1978) sowie alle systematischen Versuche, eingeschränkt rationales Entscheiden zu  modellieren (zu derartigen Versuchen in der Konsumentenpsychologie, vgl. Grunert, 1994). Natürlich werden vor allem die Arbeiten von Güth (1995a und b) im Vordergrund stehen, der bislang nur ein Grundmuster individuellen  Entscheidens vorgeschlagen hat, das sich aber auf konkrete Situationen modellmäßig anpassen läßt. Wesentliches Merkmal dieses Grundmusters ist ein dynamischer Stufenprozeß mit zunehmender Komplexität der Entscheidungsüberlegungen.  Auf jeder Stufe wird jeweils eine Entscheidungsüberlegung generiert (Entscheidungsgenerator), die dann einem Akzeptanztest (Entscheidungsfilter) unterworfen wird. Auf der ersten Stufe wird jeweils auf einschlägige Erfahrungen  rekurriert, d.h. ein Entscheider verfügt über ein Repertoire guter und schlechter Verhaltensweisen, das durch eine ex post Bewertung des ausgeführten Verhaltens stets aufdatiert wird. In Güth (1995) wird darüber hinaus diskutiert,  wie menschliche Entscheidungen in Situationen gefällt werden, in denen die individuellen Bewertungen der Grundanliegen noch völlig offen sind und erst durch kognitive Prozesse konstruiert werden müssen.

Werner Güth

 

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Letzte Änderung am  Donnerstag, 26. April 2001

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