Institut für Wirtschaftstheorie III

Spieltheorie

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Spieltheorie ist Sozialwissenschaft

Obwohl es Ausnahmen gibt, hat sich die traditionelle Betriebswirtschaftslehre überwiegend als  Anwendung der Optimierungstheorie auf betriebswirtschaftliche Entscheidungsprobleme verstanden. Ein Indiz hierfür ist die Einordnung des Operations Research als Teildisziplin der Betriebswirtschaftslehre, deren Verfahren - zum  Beispiel in der Logistik - sowohl die theoretische Betriebswirtschaftslehre als auch ihre Anwendungen entscheidend befruchtet haben. Konsequenzen hieraus sind die weitgehende

  • Vernachlässigung interaktiver Entscheidungen, d. h. spieltheoretischer Kalküle und
  • Dominanz der Rationalitätshypothese

in der traditionellen Betriebswirtschaftslehre.

Die Situation hat sich jedoch entscheidend verändert. Sowohl die theoretische Betriebswirtschaftslehre als auch die theoretische Volkswirtschaftslehre, insbesondere die  Mikroökonomik, sind heute überaus facettenreich, so daß sich simplifizierende (Vor-)Urteile verbieten. Deutlich wird das zum Beispiel in der Marketing-Theorie, die bei der Werbewirkungsanalyse eher psychologischen Theorien  menschlicher Informationsaufnahme und -verarbeitung als dem Kalkül eines rationalen Konsumenten vertraut. Ähnlich geht die Organisationspsychologie von verhaltenstheoretischen Hypothesen aus. Es gibt also vielfältige  Teildisziplinen der theoretischen Betriebswirtschaftslehre, in denen man nicht mehr von einer Dominanz der Rationalitätshypothese sprechen kann. Dennoch wollen wir uns hier nur auf die normative Betriebswirtschaftslehre und die  normative Volkswirtschaftslehre beschränken, die auf der Rationalitätshypothese basieren. Der Grund hierfür ist, daß wir uns mit den Gemeinsamkeiten und Unterschieden beider Disziplinen der theoretischen Sozialwissenschaften  befassen wollen, die aus der gemeinsamen Verwendung der normativen Spieltheorie resultieren.

Obwohl die traditionelle Mikroökonomik - die sich in weiten Bereichen mit der allgemeinen Betriebswirtschaftslehre überschneidet -  ebenfalls durchweg von Rationalität ausgeht, steht dennoch nicht die optimale Entscheidung des einzelnen und die daraus resultierende Handlungsempfehlung im Vordergrund. Vielmehr haben vornehmlich die durch das Rationalverhalten  der Marktakteure implizierten Marktergebnisse interessiert. Die typisch volkswirtschaftliche Frage ist dann: Welche Marktregeln - wobei selbst in neueren Lehrbüchern noch allzu oft nur das Monopol mit vollständiger Konkurrenz  verglichen wird - würden Marktergebnisse implizieren, die übergeordneten Zielsetzungen - wie zum Beispiel der gesamtwirtschaftlichen Effizienz - bestmöglich entsprechen? Zur volkswirtschaftlichen Ordnungspolitik korrespondiert die  betriebliche Ordnungspolitik: zum Beispiel, wenn man nach dem besten betrieblichen Entlohnungssystem oder Konzepten divisionärer Erfolgszuweisung zur pretialen Betriebslenkung sucht (Schmalenbach, 1948 und Spremann, 1987) oder auch  nur die Kontrolle betrieblicher Leistungen derart ausgestalten will, daß die Unternehmensziele bestmöglich erfüllt werden. Da Arbeitsteilung sowohl mittels Tausch über Märkte als auch durch Betriebe erreicht werden kann (vgl.  Coase, 1937), sollte es nicht überraschen, daß sich für Märkte und Betriebe ähnliche Gestaltungsaufgaben ergeben.

Die Spieltheorie hat die moderne Entwicklung von Volks- und Betriebswirtschaftslehre, aber auch anderer  Sozialwissenschaften wie der Philosophie, Politologie, Sozialpsychologie und Soziologie entscheidend befruchtet. Die extrem normative Position der Spieltheorie sowie der Facettenreichtum spieltheoretischer Modellierungstechniken -  z. B. bei der Abbildung sequentieller Entscheidungen sowie individueller Informationsbedingungen - stößt aber auch auf Widerstände (vgl. die Diskussion in Güth - ifo-Studien, 1992).

Für die theoretische Volks- und  Betriebswirtschaftslehre führt die Übernahme spieltheoretischer Methoden natürlich zu einer methodologischen Vereinheitlichung und damit zur Überwindung einer unsinnigen Trennung, die teilweise durch verbeamtete,  "universitäre" Volks- und Betriebswirtschaftslehre im deutschsprachigen Raum bewußt konserviert wird. Sollte man nicht eher zwischen Grundlagenforschung und angewandter Forschung im Sinne einer mehrstufigen und  arbeitsteiligen Wissensproduktion unterscheiden? Volks- und Betriebswirte, die sich spieltheoretischer Methoden bedienen, wären allein auf Grund der extremen Rationalitätserfordernisse und der empirisch oft nicht eindeutig  feststellbaren Spielstrukturen meist der Grundlagenforschung zuzuordnen, während die angewandte Spieltheorie oft nur terminologisch - als chic gelten Begriffe wie Nullsummenspiel, asymmetrische Information oder Insiderwissen - und  durch qualitative Plausibilitätsüberlegungen - wie Reputationseffekte oder die Kooperationsstabilisierung bei unendlicher Wiederholung eines Spiels - bereichert.

Durch ihre mathematische Tradition hat die Verbreitung der  Spieltheorie natürlich auch zur Mathematisierung von Volks- und Betriebswirtschaftslehre beigetragen, was nicht jedem gefällt. Wenn jedoch ein bestimmter Sachverhalt mathematisch rigoros nachgewiesen werden kann, zeugt das nur von  einem hohen Reifegrad, auf den man stolz sein sollte. Die Spieltheorie selbst hat eher eine Entmathematisierungsphase hinter sich. Verursacht wurde dies durch die - in neuerer Zeit - starke Dominanz der nichtkooperativen Theorie,  deren institutionenreiche Modelle sich nur selten einheitlich und mathematisch elegant lösen lassen.

Die Spieltheorie hat und wird noch in vielfältiger Weise die Volks- und Betriebswirtschaftslehre, aber nicht nur diese  Disziplinen, befruchten. Die Frage, was rationales Verhalten kennzeichnet, wird zum Beispiel auch in der Philosophie gestellt (so z.B. das Problem, ob Arbeitsteilung betriebsintern oder durch Tausch auf Märkten realisiert werden  soll, auch wichtige philosophische Aspekte: wünscht man zum Beispiel eine Gesellschaftsform, in der einige (Unternehmer) vielen anderen (ihren Arbeitnehmern) Weisungen erteilen können, die deren Lebens- und Selbstwertgefühl  entscheidend beeinflussen?). Ob Rationalverhalten als Ergebnis von Evolutions- und Lernprozessen gerechtfertigt werden kann, wird nicht nur in der "evolutionären Spieltheorie" (vgl. den Überblick von Hammerstein und  Selten, 1994), sondern in ähnlicher Form auch in der Evolutionsbiologie diskutiert. Die experimentelle Spieltheorie versucht ferner, in starker Anlehnung an die ökonomische Psychologie und die Sozialpsychologie zu erkunden, wie  Menschen in strategischen Situationen Entscheidungen treffen (vgl. das von Kagel und Roth (1995) herausgegebene Handbuch zur experimentellen Wirtschaftsforschung).

Dies alles läßt hoffen, daß Spieltheorie als generelle Methode  aller Sozialwissenschaften hilft, nicht nur die Barrieren zwischen theoretischer Volks- und Betriebswirtschaftslehre zu überwinden, sondern auch die zwischen den Wirtschaftswissenschaften und ihren sozialwissenschaftlichen  Nachbardisziplinen. Ihre extremen Rationalitätsannahmen - trotz des Nachweises, daß gewisse Lern- oder Evolutionsprozesse zu Gleichgewichten konvergieren (vgl. Hammerstein und Selten, 1994) - wird sie jedoch auf Fortschritte in der  normativen Forschungstradition beschränken, die zwar bislang vorgeherrscht hat, deren Fragwürdigkeit für die Beratung aber zunehmend verstanden wird.

Werner Güth

 

Literaturverzeichnis zu diesem Text

Letzte Änderung am  Donnerstag, 26. April 2001

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