Zurück | Homepage | Ende des Dokuments

WiWi Fakultät



 

 

Entwicklung der Managervergütung

 

Von Prof. Dr. Joachim Schwalbach, Berlin*)

 

 

 

 

Zusammenfassung 

Kaum ein Thema erhitzt die Gemüter der weltweiten Öffentlichkeit derart wie die Vergütung von Führungskräften der Wirtschaft. Die Diskussion zur Managervergütung fand Jahrzehnte ausschließlich in den U.S.A. statt und ist erst seit wenigen Jahren auch zu einem beherrschenden Thema in Europa und somit auch in Deutschland geworden. Im vorliegenden Beitrag wird die Entwicklung der Vorstandsvergütungen deutscher Unternehmen im Zeitraum 1987-96 analysiert. Der Analyse liegt der bisher umfangreichste Datensatz zur Managervergütung vor. Die Analyse kommt zu folgendem Ergebnis: (1) Die Vorstandsbezüge sind im nationalen Vergleich stärker gestiegen als die Gehälter von Angestellten und Arbeitern, sie sind jedoch im Vergleich zu amerikanischen Vorständen deutlich geringer ausgefallen. (2) Die Vergütungsunterschiede zwischen den Vorständen haben im Zeitablauf zugenommen. (3) Die Vergütungshöhe ist branchen- und größenspezifischen Einflüssen ausgesetzt. (4) Die erfolgsorientierten Anreize haben im Zeitablauf leicht zugenommen, sind jedoch noch zu schwach ausgeprägt.

 

Stichworte: Managervergütung, Vorstandsvergütung, Anreizsysteme, Anreizkompatibilität, Agency-Theorie, Prinzipal/Agenten-Problem.

 

 

 

 

I.                Einleitung

 

Kaum ein Thema erhitzt die Gemüter der weltweiten Öffentlichkeit derart wie die Vergütung von Führungskräften der Wirtschaft. Während in der Öffentlichkeit die Managergehälter als zu hoch und als moralisch verwerflich angesehen werden, beklagen die betroffenen Manager die notorische Unterbewertung ihrer Leistung. Die Diskussion zur Managervergütung fand Jahrezehnte ausschließlich in den U.S.A. statt und ist erst seit wenigen Jahren auch zu einem beherrschenden Thema in Europa und somit auch in Deutschland geworden.

 

Die Wissenschaft hat sich relativ spät in die öffentliche Diskussion eingeschaltet. In den U.S.A. wurde zwar die erste empirische Studie bereits Mitte der fünfziger Jahre veröffentlicht[1], jedoch erst zu Beginn der neunziger Jahre hat die Forschungsintensität deutlich zugenommen. Allein im Zeitraum von 1990-96 sind etwa 200 empirische Beiträge zur Managervergütung in wissenschaftlichen Zeitschriften in den U.S.A. erschienen. In Europa wurde die erste empirische Arbeit in England Mitte der siebziger Jahre vorgelegt[2], in Deutschland ist sie erst vor Kurzem erschienen[3][4]. Theoretische Arbeiten wurden insbesondere durch die Studie von Berle und Means (1932)[5] beflügelt, wonach die Trennung von Eigentum und Kontrolle in Unternehmen zu Interessenkonflikten zwischen Eigentümern und Managern führen kann. Die Arbeit von Jensen und Meckling (1976)[6] ist  anerkanntermaßen die erste detaillierte theoretische Studie, die sich dem Principal/Agent-Problem widmete. Die Mehrzahl der theoretischen Arbeiten baut auf der Principal/Agent-Theorie auf.

 

Inzwischen ist die Forschung zur Managervergütung multidiziplinär ausgerichtet. Die meisten Arbeiten sind mikroökonomisch, aber auch die soziologische, psychologische und juristische Literatur beschäftigt sich mit diesem Themenkomplex. Interessanterweise haben sich die für die Managervergütung geradezu prädestinierten Gebiete der Arbeitsökonomik und des Personalmanagements bisher am wenigsten mit dieser Thematik beschäftigt. In den vielen Lehrbüchern fehlen dazu immer noch substanzielle Beiträge.

 

Im vorliegenden Beitrag wird die Entwicklung der Vorstandsvergütungen deutscher Unternehmen im Zeitraum 1987-96 analysiert. Der Analyse liegt der bisher umfangreichste Datensatz zur Managervergütung vor. Neben der Vergütungsentwicklung wird die Anreizintensität im Zeitablauf betrachtet. Die Ergebnisse werden mit der Vergütung amerikanischer Manager verglichen.

 

 

 

 

II.              Vorstandsvergütung im Zeitablauf

 

Der Analyse liegt der bisher umfangreichste Datensatz zur Vorstandsvergütung in deutschen Unternehmen zugrunde. Seit mehreren Jahren werden mit Unterstützung des Sonderforschungsbereichs 373 der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) die Vergütungsstudien der Kienbaum Management Consultants GmbH zu einem wissenschaftlich auswertbaren Datensatz aufbereitet. Der Datensatz umfasst derzeit 14.079 Unternehmen für einen Zeitraum von 1987-1996. Für 196 Unternehmen liegen vollständige Zeitreihen über die genannten zehn Jahre vor. Die Vorstandsvergütung wird gemessen als durchschnittliche Vergütung pro Vorstandsmitglied. Über die Vergütungsunterschiede innerhalb des Vorstands in Unternehmen liegen keine verlässlichen Informationen vor. Die Vergütungsdaten berücksichtigen das Grundgehalt und Gewinnbeteiligungen. Der Datensatz umfasst weiterhin unternehmensspezifische Angaben wie Umsatzerlöse, Anzahl der Mitarbeiter, Jahresüberschuss bzw. -fehlbetrag und Branchenzugehörigkeit.

 

Abbildung 1 illustriert den Median des Vergütungsniveaus nach Unternehmen und Branchen. Im Jahre 1987 lag die mittlere Vorstandsvergütung bei etwa 254.800 DM und zehn Jahre später bei 424.400 DM. Insgesamt entspricht dies einem Wachstum von 67 Prozent oder einem jährlichen Wachstum von durchschnittlich 6,7 Prozent. Deutlich stiegen auch die Vergütungsunterschiede in diesem Zeitraum. Die Standardabweichung war im Jahre 1996 um etwa 60 Prozent höher als 1987.

 

Die Ergebnisse ändern sich nicht wesentlich, wenn die Entwicklung derjenigen Unternehmen betrachtet wird, für die ein durchgehender Datensatz existiert. Für die 196 Unternehmen stieg erwartungsgemäß das Vergütungsniveau, weil es sich überwiegend um größere Unternehmen handelt, jedoch nahm die Zuwachsrate nicht zu. Der Median der Vorstandsvergütung stieg von 386.500 DM auf 553.200 DM im Zeitraum von 1987 bis 1996, was einer jährlichen Wachstumsrate von durchschnittlich 4,3 Prozent entspricht. Ebenso deutlich zugenommen haben für diese Gruppe von Unternehmen die Vergütungsunterschiede. Die Standardabweichung stieg um 61 Prozent.

 

Wie sind diese Ergebnisse zu bewerten? Zwei Vergleiche sollen herangezogen werden: Die Vergütungsentwicklung für deutsche Arbeiter und Angestellte sowie für amerikanische Vorstandsvorsitzende (CEOs) der größten 500 (nach Standard&Poor‘s) Unternehmen im Zeitraum von 1987-96.[7] Abbildungen 2a und b zeigen bemerkenswerte Entwicklungen. Abb. 2a verdeutlicht, daß die Gehälter der Vorstände schneller stiegen (67 Prozent) als die der Beschäftigten insgesamt (44 Prozent) und der Arbeiter (40 Prozent) im Zehnjahreszeitraum. Verwendet man für Arbeiter und Angestellte statt dessen die Gehälter pro Beschäftigtenstunde, dann verschiebt sich das Bild noch stärker zu Gunsten der Vorstandsvergütung. Der Zuwachs bei allen Beschäftigten lag bei 30 Prozent und bei Arbeitern bei 34 Prozent.

 

In Abb. 2b wird der Vergleich zwischen deutschen und amerikanischen Vorständen gezeigt. Es wurden vier Zahlenreihen abgetragen: (1) Der Median der Pro-Kopf-Vergütung für alle Vorstände deutscher Unternehmen. (2) Der Median der Vergütung der Vorstandsvorsitzenden (CEOs) relativ großer deutscher Unternehmen (mit mehr als 2 Mrd. DM Jahresumsatz). Die Werte wurden geschätzt, unter der Annahme, daß der Vorstandsvorsitzende eine um 50 Prozent höhere Vergütung als ein ordentliches Vorstandsmitglied erhält. (3) Der Median der Vergütung (mit und ohne Aktienoptionen) für amerikanische CEOs der 500 größten Unternehmen nach Standard&Poor‘s.[8] Die Ergebnisse zeigen deutlich, daß die deutschen CEOs das zwei bis dreifache weniger verdienen als ihre amerikanischen Kollegen. Bemerkenswert ist außerdem, daß die Vergütungsentwicklung ohne Aktienoptionen bei deutschen und amerikanischen CEOs um jährlich knapp zwei Prozent nur geringfügig stieg. Dagegen konnten amerikanische CEOs durch realisierte Aktienoptionen die Vergütung um ca. 60 Prozent innerhalb von nur drei Jahren erhöhen.

 

Die bisherige Analyse kommt zu folgendem ersten Ergebnis:

 

Stilisiertes Faktum 1: Die Vorstandsbezüge in deutschen Unternehmen sind stärker gestiegen als die Gehälter von Arbeiter und Angestellten. Die Vergütungsunterschiede zwischen den Vorständen haben deutlich zugenommen. Im Vergleich zu amerikanischen Managern verdienen die deutschen Vorstände deutlich weniger.

 

Vergütungsunterschiede zeigen sich auch zwischen den Branchen. Abbildung 1 verdeutlicht dies. Überdurchschnittlich ist die Vergütung in den Branchen Banken, Bau, Bergbau, Chemie, Druckerei/Verlage, Einzelhandel, Eisen/Stahl, EMB, Fahrzeugbau, Feinmechanik/Optik, Maschinenbau, Mineralöl, Nahrungsmittel, Textil und Zellstoff/Papier/Holz. Das höchste Vergütungsniveau findet man bei Banken, in der Fahrzeugindustrie und im Einzelhandel. Das niedrigste Niveau dagegen im Wohnungsbau, bei Versicherungen und in der Verkehrsindustrie. Der Trend der Vergütung ist uneinheitlich und in denjenigen Branchen mit relativ geringer Vergütung mit über 6 Prozent jährlich am höchsten. Dazu zählen die Versorgungs- und Wohnungsbauunternehmen.

 

Abbildung 3 zeigt die Vorstandsvergütung nach Größenklassen. Es wird deutlich, dass die Vorstandsvergütung mit zunehmender Unternehmensgröße steigt und die Unterschiede im Zeitablauf nahezu konstant bleiben. Das Ergebnis ist nicht abhängig vom gewählten Größenmaß. Es scheint, dass die Beziehung nicht-linear ist und eher überproportional mit wachsender Unternehmensgröße verläuft. Die Vergütungsunterschiede sind teilweise erheblich. Die Vorstände von Unternehmen mit über 3.000 Mitarbeitern können mit einem doppelt so hohem Gehalt rechnen wie diejenigen in Unternehmen mit 500-1.000 Mitarbeitern.

 

Als weiteres Ergebnis kann festgehalten werden:

 

Stilisiertes Faktum 2: Die Höhe der Vorstandsbezüge wird durch die Branche und die Unternehmensgröße determiniert. Die Vergütungsunterschiede sind erheblich und im Zeitablauf relativ konstant.

 

 

III. Anreizkompatibilität der Vorstandsvergütung

 

Die Prinzipal/Agenten-Theorie ( bzw. Agency-Theorie) bildet den theoretischen Bezugsrahmen für die Analyse der Anreizkompatibilität der Managervergütung. Durch die Trennung von Eigentum und Management kann sich ein Interessenskonflikt zwischen den Stakeholders des Unternehmens ergeben. Unterschiedliche Präferenzen der Beteiligten, unzureichende Kooperationsbereitschaft, opportunistisches Verhalten und unvollkommener Informationsaustausch können dem Management Handlungsspielräume eröffnen, die sie nicht im Interesse der Eigentümer und der übrigen Stakeholder nutzen. Die Agency-Theorie empfiehlt, bereits präventiv Anreizsysteme für das Management vorzusehen, die das Verhalten im Sinne der Eigentümer bzw. der vorgegebenen Ziele steuern. Anreizsystem bestehen aus monetären und nicht-monetär bewertbaren Vergütungskomponenten. Monetäre Anreize sind feste und variable (Bonus, Aktienoptionen etc.) Vergütungen sowie Zusatzleistungen wie Altersversorgung, Versicherungen und Darlehen. Nicht-monetäre Anreize sind beispielsweise Anerkennung und soziale Stellung. Schwierig ist es, ein optimales Anreizsystem zu entwickeln, das eine auf die Performance des Managers abgestellte Vergütung sicherstellt. Die Problematik soll an einem einfachen Modell gezeigt werden.

 

Angenommen wird eine lineare Vergütungsstruktur der Form:




 


wobei a das Festgehalt und b der variable, erfolgsabhängige Vergütungsanteil darstellt. z ist das Arbeitsergebnis des Managers, das von ihm, jedoch auch von anderen Faktoren, beeinflusst wird und der Umweltunsicherheit ausgesetzt ist. In einem optimalen Vergütungsvertrag fließen die Merkmale der Qualität des Managers in das Festgehalt ein und der variable Vergütungsanteil wird an das Arbeitsergebnis geknüpft. Da das Arbeitsergebnis des Managers nur unvollkommen gemessen werden kann, wird für Vorstandsmitglieder die Performance des eigenen Verantwortungsbereichs und des Unternehmens als Ganzes verwendet. In den meisten Unternehmen werden mehrere Performancemaße zu einem Leistungsindex zusammengeführt.

 


Im optimalen Vergütungsvertrag kommt der Bestimmung der Anreizintensität (b-Koeffizient) eine Schlüsselfunktion zu. Die theoretische Literatur hat sich damit bisher wenig beschäftigt. Folgt man dem Standardmodell der Agency-Theorie, das Risikoneutralität beim Eigentümer und Risikoaversion beim Manager unterstellt, dann ist die optimale Anreizintensität von folgenden Faktoren abhängig:[9]




 

wobei k die Opportunitätskosten für den Manager, r die Risikoeinstellung und s die Unsicherheit über das erwartete Arbeitsergebnis darstellen. Eine Annäherung an den „First-best Fall“ (b=1) erhält man bei geringer Unsicherheit (s®0) über das Arbeitsergebnis, bei geringer Risikoaversion des Managers (r®0) und/oder geringer Opportunitätskosten für den Manager (k®0). Oder umgekehrt: Die Anreizintensität wird um so geringer sein, je höher die Risikoaversion des Managers ( b/r<0) und desto höher die Umweltunsicherheit ( b/s2<0) ist. Da der Manager gegenüber dem Eigentümer Informationsvorteile über die tatsächliche Risikoeinstellung, die Opportunitätskosten und die Umweltunsicherheit besitzt, wird der Eigentümer die Managervergütung vom Arbeitsergebnis abhängig machen und den Anreizintensitätsfaktor in den Schranken 0²b<1 wählen. Die Effizienz der Gestaltung der Anreizintensität kann der Eigentümer dadurch erhöhen, in dem er seine Informationsbasis verbessert. Graßhoff und Schwalbach (1999)[10] haben gezeigt, dass höhere bs erzielt werden können und im Interesse von Eigentümer und Manager sind, wenn die Informationsasymmetrien zwischen den Parteien im Unternehmen abgebaut werden.

 

In empirischen Studien findet der Anreizintensitätsfaktor b besondere Beachtung. Da die Theorie keine eindeutigen Antworten zur Höhe von b geben kann, wird die wissenschaftliche Diskussion darüber geführt, ob die ermittelten Werte Anreizkompatibilität sicherstellen. In der Literatur herrscht der Eindruck vor, daß die leistungsorientierten Anreize unzureichend sind. In den Studien werden überwiegend Werte von b » 0,1 ermittelt, die als zu gering empfunden werden. Für deutsche Unternehmen schätzten Schwalbach und Graßhoff (1997)[11] teilweise noch geringere Werte.

 

Der Datensatz erlaubt, die Anreizkompatibilität in deutschen Unternehmen und deren Veränderung im Zeitablauf näher zu untersuchen. Die Anreizkompatibilität wird in der empirischen Literatur weitgehend auf der Basis zweier Schätzgleichungen ermittelt:

 

(1)                                        3Vit = a + b 3 Pit

und

(2)                                        3 log Vit = a + b 3 log Pit

 

wobei Vit für die durchschnittliche Vorstandsvergütung im Unternehmen i zum Zeitpunkt t und Pit die Performance von i in t darstellen. Der Parameter b misst die Vergütung/Performance-Sensitivität und Parameter b die Elastizität. Beide Parameter sind gut zu interpretieren und zeigen das Ausmaß der unmittelbaren Vergütungsanpassung als Folge von Performanceänderungen im Unternehmen. Aus ökonometrischer Sicht liefert Gleichung (2) einen besseren statistischen „Fit“, da der Sensitivitätsparameter b mit zunehmender Unternehmensgröße abnimmt, jedoch der Elastizitätsparameter b von der Unternehmensgröße relativ unbeeinflusst ist.

 

Abbildungen 4a - d zeigen die geschätzten Werte der Parameter b und b der Querschnittsanalysen der Jahre 1987-96. Als Performancemaße wurden der Umsatzerlös und die Umsatzrendite verwendet. Andere Maße sind im Datensatz nicht enthalten. Die Ergebnisse zeigen zunächst, dass die Schätzwerte im Zeitablauf teilweise stark schwanken, die Varianz im Zeitablauf zunimmt  und die Trendgerade überwiegend positiv ansteigt. Da nicht alle Schätzwerte statistisch signifikant sind, müssen die Ergebnisse vorsichtig interpretiert werden. Die statistisch signifikanten Werte, die sich mindestens auf dem 5 Prozent-Niveau befinden, sind in den Abbildungen besonders gekennzeichnet. Die nicht-signifikanten Werte werden als nicht von Null verschieden betrachtet. Demzufolge liefern die in den Abb. 4c dargestellten Schätzwerte den besten statistischen „Fit“.

 

Die geschätzten und statistisch-signifikanten Sensitivitäten schwanken beim Performancemaß Umsatzerlöse zwischen 0,037 und –0,029 und sind bei der Umsatzrendite überwiegend Null. Die Steigung der Trendgeraden bei der Vergütung/Umsatz-Sensitivität beträgt 0,0027 und demnach hat das Ausmaß der Sensitivität im Zeitablauf leicht zugenommen. Bemerkenswert ist zudem, dass die Umsatzrendite als eines der klassischen Performancemaße keinen Einfluss auf die Vergütung ausübte. Demgegenüber führte beispielsweise eine Umsatzerhöhung von immerhin 1 Mrd. DM im Zeitraum 1995/96 zu einer Vergütungssteigerung von durchschnittlich 46.977 DM, wobei der erfolgsabhängige Vergütungsanteil nur 40 Prozent der Erhöhung betrug. Demzufolge verdeutlichen die geschätzten Sensitivitäten, dass nur eine geringe Anreizkompatibilität bei den untersuchten Unternehmen vorlag.

 

Ein etwas anderes Bild zeigt sich bei den geschätzten Elastizitäten. Die statistisch signifikanten Werte schwanken bei der Vergütung/Umsatz-Elastizität zwischen 0,188 und –0,108. Bei den Schätzungen der Vergütung/Umsatzrendite-Elastizität konnten aus einsichtigen Gründen nur positive Umsatzrenditen verwendet werden, was den Datensatz auf bis zu 138 Unternehmen reduziert und einen „Sample selection biases“ bewirkt. Die geschätzten Werte schwanken zwischen 0,09 und -0,025. Ein positiver Trend ist auch bei den Elastizitäten zu beobachten, der jedoch deutlicher ausfällt als bei den Sensitivitäten (0,0059). Vergütung/Performance-Elastizitäten sind einfach zu interpretieren. Bezogen auf den Mittelwert der Umsatzerlöse ging im Jahr 1996 eine 10-prozentige Erhöhung gegenüber dem Vorjahr mit einer Vergütungserhöhung von 1,6 Prozent einher.  Wendet man diese Schätzung auf das ‚repräsentative‘ Unternehmen im Datensatz, Beiersdorf AG, an, dann würde eine 10-prozentige Umsatzerhöhung eine Steigerung der Vorstandsvergütung um 13.660 DM bewirken. Tatsächlich betrug die Umsatzerhöhung 1995-96 8,1 Prozent und das Vergütungswachstum 13 Prozent, was einer Elastizität von 1,3 entspricht, und damit liegt die Anreizintensität bei Beiersdorf deutlich über dem geschätzten Wert.

 

Bereits oben wurde vermutet, dass Vergütung / Performance-Sensitivitäten mit zunehmender Unternehmensgröße abnehmen. Zur Überprüfung dieser Hypothese wurden die Schätzungen getrennt nach Umsatzgrößenklassen durchgeführt. Die Ergebnisse zeigen, dass sowohl das Ausmaß als auch die Varianz der Sensitivitäten mit zunehmender Unternehmensgröße geringer werden.

 

Als weiteres Ergebnis kann festgehalten werden:

 

Stilisiertes Faktum 3: Die Anreizkompatibilität ist bei den Vorstandsbezügen schwach ausgeprägt. Trotz der starken Schwankung und zunehmenden Streuung nahmen die Anreizintensitäten im Zeitablauf leicht zu. Mit zunehmender Unternehmensgröße nahm die Anreizintensität ab.

 


III.            Schlußbemerkung

 

Die Analyse des bisher umfangreichsten Datensatzes zur Managervergütung kommt zu folgendem Ergebnis: (1) Die Vorstandsbezüge sind im nationalen Vergleich stärker gestiegen als die Gehälter von Angestellten und Arbeitern, sie sind jedoch im Vergleich zu amerikanischen Vorständen deutlich geringer ausgefallen. (2) Die Vergütungsunterschiede zwischen den Vorständen haben im Zeitablauf zugenommen. (3) Die Vergütungshöhe ist branchen- und größenspezifischen Einflüssen ausgesetzt. (4) Die erfolgsorientierten Anreize haben im Zeitablauf leicht zugenommen, sind jedoch noch zu schwach ausgeprägt.

 

Seit etwa zwei Jahren ist ein Trend zu einer stärkeren Gewichtung erfolgsorientierter Anreize für Führungskräfte in deutschen Unternehmen zu beobachten. Durch die Einführung von Aktienoptionsplänen sollen insbesondere Anreize zu längerfristigem Verhalten und erhöhter Risikobereitschaft gesetzt werden. Es bleibt abzuwarten, wie stark sich die Anreizsysteme deutscher Unternehmen an diejenigen in amerikanischen Unternehmen anpassen. Für die 500 größten amerikanischen Unternehmen (S&P 500) hat der Vergütungsanteil realisierter Aktienoptionen von 27 auf 36 Prozent im Zeitraum von 1992-96 zugenommen, während der Bonusanteil konstant blieb und der Anteil des Festgehalt von 38 auf 27 Prozent fiel. Trotz dieser stärkeren Bedeutung der variablen Vergütung konnten wissenschaftliche Untersuchungen zwar eine steigende aber dennoch nur eine geringe Anreizkompatibilität feststellen.[12]

 

 



*) Ordinarius für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Internationales Management, und Direktor des Institut für Management an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin, Spandauer Str. 1, 10178 Berlin, E-Mail: schwal@wiwi.hu-berlin.de.

Für die Unterstützung bei der Datenerfassung und -analyse bedanke ich mich bei Marco Nix.

[1] Vgl. D. Roberts (1956), „A General Theory of Executive Compenstion Based on Statistically Tested Propositions“, Quarterly Journal of Economics, Vol. 70, Nr. 2, S. 270-294.

[2] Vgl. A. Cosh (1975), „The Renumeration of Chief Executives in the United Kingdom“, Economic Journal, Vol. 85, S. 75-94.

[3] Vgl. J. Schwalbach und U. Graßhoff (1997), „Managervergütung und Unternehmenserfolg“, Zeitschrift für Betriebswirtschaft, 67. Jg., Heft 2, S. 203-217.

[4] Zu weiteren deutschen Studien vgl. U. Graßhoff und J. Schwalbach (1999), „Agency-Theorie, Informationkosten und Managementvergütung“, Zeitschrift für betriebswirtschaftliche Forschung, 51. Jg., Heft 5, S. 437-453. 

K. Kraft und A. Niederprüm (1999), „Ist die Vergütung von Managern im Zeitablauf flexibler geworden?“, Zeitschrift für betriebswirtschaftliche Forschung, 51. Jg., Heft 9, S. 787-804.

J. Schwalbach (1999), „Motivation, Kompensation und Performance“, in: W. Bühler und Th. Siegert (eds.), Unternehmenssteuerung und Anreizsysteme, Stuttgart: Schäffer-Poeschel, S. 169-183.

Zu international vergleichenden Studien vgl. M. Conyon und J. Schwalbach (1998) „Corporate Governance, Executive Pay and Performance in Europe“, in: J. Carpenter and D. Yermack (eds.), „Executive Compensation and Shareholder Value: Theory and Evidence“, Kluwer, S. 13-33.

M. Conyon und J. Schwalbach (1999) „European Differences in Executive Pay and Corporate Governance“, Zeitschrift für Betriebswirtschaft, erscheint demnächst.

Zu Literatur-Surveys vgl. L.R. Gomez-Meija (1994), „Executive Compensation: A Reassessment and a Future Research Agenda“, in: Research in Personal and Human Resource Management, Vo. 12, JAI Press, S. 161-222.

K.J. Murphy (1999), „Executive Compensation“, in: Handbook in Labor Economics, North-Holland, erscheint demnächst.

[5] Vgl. A.A. Berle and G.C. Means (1932), „The Modern Corporation and Private Property“, New York.

[6] Vgl. M. Jensen und W. Meckling (1976), „Theory of the Firm: Managerial Behavior, Agency Costs and Ownership Structure“, Journal of Financial Economics, Vol. 3, S. 305-360.

[7] Für die Überlassung der Daten bedanke ich mich bei Professor Kevin J. Murphy.

[8] Zur Umrechnung wurden die Kaufkraftparitäten der OECD verwendet.

[9] Siehe Graßhoff und Schwalbach (1999), siehe Fn. 4.

[10] Vgl. Fn. 4

[11] Vgl. Fn. 4.

[12] Vgl. die Übersicht in Murphy (1999), siehe Fn. 4.




Zurück | Homepage | Anfang des Dokuments Webmaster, 12.10.99