Humboldt-Universität Berlin & Freie Universität Berlin

Graduiertenkolleg Angewandte Mikroökonomik


Hochqualifizierte Forschung in den Wirtschaftswissenschaften findet heute - von wenigen Ausnahmen abgesehen - nur in den USA, England und Frankreich statt. Die deutsche Nationalökonomie erreicht dieses Niveau nur selten. Eine der Ursachen dieser Rückständigkeit ist fraglos das Fehlen einer gezielten Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses in klar strukturierten und intensiven Aufbaustudien, so wie sie in angelsächsischen Ländern üblich sind. Der deutsche Doktorand ist in der Regel auch heute noch Autodidakt. Bis zum Abschluß seiner Promotion ist er im Durchschnitt etwa vier Jahre älter als sein Kommilitone in den USA; dessen wissenschaftliches Niveau erreicht er dennoch nur in Ausnahmefällen.

Aufgrund dieser Überlegungen hat die Stiftung Volkswagenwerk 1988 einen Modellversuch zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses im Rahmen von Graduiertenkollegs gestartet. Herausragende Konzeptionen sollten finanziell unterstützt werden. Die Wirtschaftswissenschaft war mit einem Studiengang dabei: dem Berliner Graduiertenkolleg Angewandte Mikroökonomik. Daraufhin nahm das Graduiertenkolleg im Wintersemester 1988/89 seine Arbeit auf.

Nach zwei Durchgängen war der Modellversuch abgeschlossen. Ab dem Wintersemester 1992/93 trat das Kolleg in seine zweite Phase. Das Kolleg ist seither Teil des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft bundesweit geförderten Programms. Es ist abzusehen, daß Graduiertenkollegs zu einem festen Bestandteil des Ausbildungsangebots deutscher Universitäten werden.

Das Berliner Graduiertenkolleg Angewandte Mikroökonomik nahm zum Wintersemester 1995/96 wieder neue Kollegiaten auf. Durch intensive Schulung und Betreuung soll eine kleine Zahl von Doktoranden (zur Zeit 9) in kurzer Zeit das theoretische und ökonometrische Rüstzeug erwerben, das für anwendungsorientierte Forschung heute unabdingbar ist. Als Dozenten des Kollegs haben sich Professoren der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten der Freien Universität und der Humboldt-Universität sowie des Wissensschaftszentrums Berlin zusammengefunden.

Angewandte Mikroökonomik

Nach einer kurzen Vorherrschaft makroökonomischer Methoden fand in den Wirtschaftswissenschaften wieder eine Rückbesinnung auf die mikroökonomischen Grundlagen statt. Diese Entwicklung wurde begünstigt durch zahlreiche z.T. umwälzende Ergebnisse der mikroökonomischen Forschung und nicht zuletzt durch die wachsende Anwendungsorientierung. Phantasievolle Wirtschaftsforschung erfordert heutzutage solide Kenntnisse der modernen Mikroökonomik und Ökonometrie, nicht nur der jeweiligen institutionellen Besonderheiten.

Angewandte Mikroökonomik entstand aus dem Versuch, das Verhalten einzelner Haushalte, Unternehmen oder gar Parteien und Verbände, durch Anwendung der Theorie optimaler Entscheidungen nachvollziehbar zu machen. So gelang es, die Verhaltensweisen in den verschiedensten Entscheidungssituationen - von der Nachfrage nach medizinischen Dienstleistungen bis hin zur Schwarzarbeit - zu erklären und durch Anwendung ökonometrischer Tests oder kontrollierter Experimente zu überprüfen. Mehr noch: es gelang Methoden zu entwickeln, die zur Konstruktion besserer Anreizsysteme und leistungfähigerer Institutionen führen. Den Erfolg dieser Methode kann man u.a. auch daran ablesen, daß sie sich in jüngster Zeit auch in anderen Sozialwissenschaften durchsetzt.

Die angewandte Mikroökonomik umfaßt heute ein breites Spektrum von Themen. Wichtige Anwendungsgebiete sind: die Ausnahmebereiche des Wettbewerbsrechts, wie etwa die Märkte für Telekommunikation, Post, Rundfunk und Fernsehen, Luftfahrt, Strom- und Gasversorgung etc., fiskalische Anreizsysteme etwa im Bereich der sozialen Sicherung und des Gesundheitswesens, ökonomische Fragen des Patentrechts, bis zu den großen Faktormärkten, dem Arbeits- und dem Kapitalmarkt.

Die Betonung konkreter, praxisnaher Fragestellungen verweist auch auf eine wichtige Entwicklung der heutigen Wirtschaftswissenschaft: die wieder verstärkte gegenseitige Öffnung und Verzahnung von Volks- und Betriebswirtschaftslehre. Galt bis vor kurzem noch das Studium der einzelnen Branchen als Domäne der Betriebswirtschaftslehre (Beispiele: Banken, Handel, Industrie, öffentliche Unternehmen, Genossenschaften), während die Volkswirte sich eher auf Analysen übergeordneter Aspekte z.B. der Marktstruktur, des Wettbewerbs und des technischen Fortschritts beschränkten, so gibt es eine zunehmende Annäherung der beiden Fächer wie in der Industrieökonomik oder auch in der neueren Finanzierungslehre. Diese Integration wird in den kommenden Jahren wachsende Bedeutung erlangen.

Berufsperspektiven

Die Ausbildungsinhalte repräsentieren den neuesten Stand der Wirtschaftswissenschaft. Aufgrund der Verbindung von theoretischer und anwendungsorientierter Forschung haben die Teilnehmer gute Chancen am Arbeitsmarkt. Die wichtigsten Tätigkeitsbereiche sind: Universitäten und Fachhochschulen, Wirtschaftsforschungsinstitute, Kommunen, öffentliche Unternehmen, Einrichtungen des Bundes und der Länder sowie private Unternehmen und Verbände.

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